Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne..

der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Hermann Hesse, Stufen

Ein neues Jahr steht vor der Tür. Etwas Neues darf beginnen, weil etwas Anderes endet. Platz macht für das Entstehen und die Entfaltung von etwas vorher nicht da Gewesenem. Das hat die Natur so eingerichtet. Der sinnvolle Zyklus des Lebens.

Das Gesündeste ist wohl, mit diesen Zyklen zu leben anstatt gegen sie. Doch tun wir das? Haben wir wirklich Platz gemacht, damit sich Neues entfalten kann, oder sträuben wir uns, Dinge, Gewohnheiten, Ansichten loszulassen, um diesem unkomfortablen Gefühl der Leere zu entgehen, dieses „Nicht-Wissens“, der Unsicherheit, wie es sein wird. Was sein wird.

Und ja, dieses Gefühl ist unangenehm. Es ist einfacher, es so zu lassen, wie es ist. Wir streben nach Sicherheit, Bequemlichkeit. Wir tendieren dazu, Unbekanntem mit Skepsis zu begegnen.

Und doch sind wir dafür gemacht, uns zu entwickeln. Neue Stufen zu erklimmen. Und wenn wir dann zurückschauen, möchten wir diesen Schritt nicht missen. Wir haben festgestellt, dass wir mehr sind, als das, was wir noch vor einem Jahr von uns gedacht haben. Wir hatten ja keine Ahnung, wozu wir fähig sind. Wir haben Dinge geschafft, die wir vor 10 Jahren vielleicht noch für unmöglich gehalten haben. Wir haben schmerzhafte Verluste erlebt, Probleme bewältigt, Situationen gemeistert, die uns damals so vorkamen, als würden sie nie vorübergehen und als würde es „nie wieder gut werden.“

Nimm‘ Dir doch einen Moment – vielleicht einen längeren Moment – und schaue ganz ehrlich, was in Deinem Leben wirklich noch passt und was Platz machen darf für etwas Neues. Damit Du der Mensch werden kannst, der Du sein möchtest. Sicher gibt es vieles, was Dir bis jetzt auf Deinem Weg auf eine Weise gedient hat. Doch von nun an würde es den Fluss blockieren und Dein Leben stagnieren lassen.

Bäume verlieren ihre Blätter. Es werden neue wachsen.

Du kannst Dir vertrauen, dass Du meisterst, was kommt. Und nächstes Jahr um diese Zeit wirst Du stolz und erfüllter zurückschauen. Du bist jetzt ein neuer Mensch. Weiser.

Schutz davor, nicht in unserem Alltagstrott unterzugehen. Und der Mut, Altes hinter uns zu lassen.

Stufen 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

(4. Mai 1941)

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